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Interview: „Innovation ist eine Frage der Geisteshaltung“

Als Leiter Strategie & Innovation beim Polymerspezialisten REHAU Automotive beschäftigt sich Dr. Martin Watzlawek täglich mit aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen und Chancen. Im Interview mit dem Karriereportal BME-JobSource erklärt der Manager und promovierte Physiker was Innovationsfähigkeit für ihn ausmacht und welche Fähigkeiten in Zukunft gefragt sind. BME-JobSource stellte die Fragen.
Veröffentlicht am 27.08.2020

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Foto: Dr. Martin Watzlawek

INNOVATION

Herr Watzlawek, zunächst herzlichen Dank für Ihre Zeit und Ihr Einverständnis zum Interview. Wären Sie so freundlich, sich in einem ersten Schritt kurz vorzustellen? Was sind die Kernaufgaben in Ihrer Position?

Dr. Martin Watzlawek: Ich bin als Leiter Strategie & Innovation dafür verantwortlich, zusammen mit der Führungsmannschaft REHAU Automotive die Weichen für eine künftige, erfolgreiche Entwicklung der Division und für weiteres Wachstum zu stellen. Dies ist angesichts der aktuellen Lage der Automobilindustrie komplex und eine echte Teamaufgabe.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Tätigkeit als Leiter des Bereichs Strategie & Innovation am besten?

Der Job bringt es mit sich, dass es immer um Neues geht. Es gilt Dinge aktiv zu verändern und besser zu machen. Das fasziniert mich ebenso wie die Tatsache, dass es sich um eine Teamaufgabe handelt. Strategien und deren Umsetzung können nur erfolgreich sein, wenn die Führungsmannschaft und die MitarbeiterInnen diese verstehen und unterstützen.

Fast jeder ist heute innovativ - zumindest nach den Firmenbeschreibungen vieler Websites. Was zeichnet Ihrer Meinung nach eine wirklich innovative Beschaffungsabteilung aus?

Ich glaube Innovation ist eine Frage der Geisteshaltung, der Einstellung, dass morgen etwas besser sein soll als gestern oder heute. Viele Innovationen werden ja dadurch getrieben, dass ihnen eine Vision zugrunde liegt. Diese zeigt auf, was morgen besser sein soll. Für den Einkauf bedeutet das, sich aktiv mit der Strategie und Ausrichtung des Unternehmens zu beschäftigen. Er muss verstehen, was sich ändern soll und sich dann gemeinsam mit den anderen Unternehmensbereichen um diese Veränderung kümmern. Neben seinen eigentlichen Beschaffungsaktivitäten hat der Einkauf auch eine wichtige Funktion im Innovation-Scouting zu erfüllen. Hier kann er helfen, Innovationen den Weg zu bahnen und beispielsweise Lieferanten auch als Innovationspartner anzuerkennen und zu entwickeln.

Haben sich Anforderungen, Eigenschaften oder das Verständnis von Innovation in den letzten Jahren verändert? Wenn ja, woher rührt diese Entwicklung?

In den vergangenen Jahren hat sich die Schnelligkeit, mit der Innovationen entstehen, sehr verändert. Das gilt auch für die Art der Umsetzung von Innovationen, die ohne eine enge Zusammenarbeit im Netzwerk mit anderen und in Form von Kooperationen heute nicht mehr erfolgreich zu realisieren ist. Während vor 20 Jahren Innovation oft ein weiter entwickeltes Produkt, ein verbesserter Prozess oder sogar ein neues Produkt war, sind Innovationen heute oft mit neuen Geschäftsmodellen und völlig neuen Zugängen zu Kundengruppen verbunden. Und: Die Digitalisierung beschleunigt den Prozess der Entstehung von Innovationen. Heutige Innovatoren agieren im Netzwerk, in Kooperationen. Genau das ist eine Riesenchance für den Einkauf als „Macher“ von Innovationen aktiv zu werden.

Was ist die größte Herausforderung in Ihrer derzeitigen Rolle?

Im Moment befindet sich die Automobilindustrie, nicht nur COVID19-bedingt, in einer tiefen Krise. Als Automotive-Lieferant gilt es für uns, das Überleben des Unternehmens zu sichern und zahlungsfähig zu bleiben. Dies bedeutet im Moment vor allem, Kosten zu senken. Es ist in der Folge nicht einfach, Innovationen zu unterstützen und das entsprechende Klima, die entsprechende Kultur dafür zu schaffen. Dieser Spagat muss jeden Tag neu ausbalanciert werden. Aber das geht im Moment allen Beteiligten der Branche so.

Innovation wird heute oft mit kreativen Menschen in Verbindung gebracht. Mitarbeiter mit innovativen Ideen = innovatives Unternehmen. Funktioniert diese einfache Rechnung? Oder hängt Innovation von ganz anderen Aspekten ab?

Ja, es ist richtig: Für Innovation braucht es neue Ideen und Menschen, die diese Ideen umsetzen wollen. Ohne innovative MitarbeiterInnen geht es nicht. Aber, ein Unternehmen benötigt weit mehr, um Innovationen auch erfolgreich umsetzen zu können. An guten Ideen mangelt es bei einer innovativen Unternehmenskultur im Allgemeinen nicht. Was es dann noch braucht, ist ein rigider Mechanismus, sich Innovationsthemen auszuwählen, die auch eine gute Chance am Markt haben. Es geht darum, sich nicht zu verzetteln. Benötigt wird ferner ein solider Innovationsprozess, um die Themen im bereits kommentierten Netzwerk bzw. in Kooperationen auch schnell ins Ziel zu bringen.

Ist es möglich, auch mit vermeintlich weniger innovativen Mitarbeitern Innovationen zu entwickeln?

Wenn man sich die beiden soeben benannten Fähigkeiten eines innovativen Unternehmens ansieht, meine ich: Ja, das ist möglich. Man kann die guten innovativen Ideen beispielsweise auch von einer externen Innovationsschmiede entwickeln oder sich von einem Lieferanten inspirieren lassen. Wenn dann die Fähigkeit der Auswahl des richtigen Themas und der richtigen Umsetzung in der DNA des Unternehmens vorhanden ist: einfach loslegen.

KARRIEREWEG

Es ist mehr als 20 Jahre her, dass Sie Ihr Hochschulstudium abgeschlossen haben. Viele Dinge haben sich seitdem geändert. Wenn Sie sich heute umsehen, was überrascht Sie dann am meisten?

Als ich vor 20 Jahren meine ersten Schritte nach der Promotion in der Industrie machte, war es für mich und alle meine StudienkollegInnen klar, dass die attraktivsten und innovativsten Jobs in der Industrie bei den großen Unternehmen wie beispielsweise Siemens, BASF oder Audi zu finden waren. Dort gab es Geld für Innovation und es wurden technologische Entwicklungen entschieden und umgesetzt. Das war vor der Digitalisierung. Heute wird echte Innovation nur noch zum Teil von dieser Art von Unternehmen vorangetrieben. Die Welt der Start-ups ist ebenso neu wie deren Finanzierung über Jahre hinweg mit Riesensummen, wie das Beispiel Tesla zeigt. Für Innovationsbegeisterte ist das eine tolle Entwicklung mit vielen Chancen. Aus der damaligen Sicht war das für mich und viele andere nicht vorhersehbar.

Was erhoffen Sie sich von der jungen Generation von Managern, die jetzt aus der Universität kommen? Welche Impulse kann die junge Generation geben?

Sie sollte Freude an der Veränderung haben und die Fähigkeit besitzen, Dinge nicht nur in Frage zu stellen, sondern auch zum Guten zu verändern. Das ist die Aufgabe der jungen Generation. Hierzu fällt mir ein Zitat von Mark Twain ein: „Natürlich kümmere ich mich um die Zukunft, ich habe vor, den Rest meines Lebens darin zu verbringen.“

Welche Qualitäten schätzen Sie bei Ihren jungen Teammitgliedern am meisten?

Neugier und Teamfähigkeit. Es geht vor allem um soziale Fähigkeiten. Fachliches Know-how kann man lernen.

Welchen Rat würden Sie jungen Berufsanfängern geben?

Mache die Dinge, die Dich reizen, auch wenn sie schwierig oder gar unmöglich erscheinen.

Was ist ein Fehler, den Sie häufig bei jungen Führungskräften beobachten?

Junge Führungskräfte entwickeln sich sehr oft aus einer überragenden fachlichen Leistung in eine Führungsposition. Oft beobachte ich, dass diese Führungskräfte zu lange im Modus „das habe ich bisher ganz toll gemacht, ich kann das am besten, also sage ich meinen Mitarbeitern, wie es gehen soll“ verbleiben. Das ist ein Fehler. Die Rolle der Führungskraft muss sich auf das „Was“ und der Vermittlung dessen konzentrieren. Das „Wie“ ist Sache der Mitarbeiter. Es braucht Demut gegenüber den Mitarbeitern das zu erkennen und anzuerkennen. Wir dürfen als Führungskräfte nie vergessen, dass die Wertschöpfung, also das Geld verdienen, durch die Arbeit der Mitarbeiter in Entwicklung, Produktion und Einkauf geschieht – nicht durch die Arbeit der Führungskräfte.

Danke für das Interview.

Dr. Martin Watzlawek
Leiter Strategie & Innovation
REHAU Automotive

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