Wissensmanagement, der Schlüssel für eine resiliente Supply Chain?

Wissensmanagement entscheidet zunehmend über die Resilienz moderner Supply Chains. Eine Studie mit 78 SCM-Experten zeigt: Die Technologie ist vorhanden, doch Prozesse und Unternehmenskultur bremsen den Wissensaustausch. Wer Wissenssilos aufbricht und Wissen strategisch nutzt, schafft die Basis für mehr Innovation und Wettbewerbsfähigkeit.
Veröffentlicht am 22.06.2026
Wissensmanagement

Angesichts volatiler Märkte, geopolitischer Unsicherheiten und immer kürzerer Produktlebenszyklen ist die Beherrschung von Informationsflüssen zur zwingenden Voraussetzung für operative Exzellenz geworden. Folglich gilt Wissensmanagement als zentraler, strategischer Wettbewerbsfaktor für die Leistungsfähigkeit von Lieferketten. Wissensmanagement lässt sich dabei als der systematische Prozess zur Generierung, Verteilung, Nutzung und Bewertung organisationalen Wissens verstehen, um Entscheidungen und Prozesse zu verbessern. Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Wissensmanagement im Supply Chain Management (SCM) aktuell praktiziert wird und welche Entwicklungspotenziale bestehen. Grundlage hierfür ist eine quantitative Erhebung mit 78 SCM-Experten, deren Einschätzungen theoretische Konzepte mit der unternehmerischen Realität konfrontieren.

Kernergebnisse der empirischen Analyse

Die Untersuchung zeigt beim Wissenserwerb eine deutliche Präferenz für persönliche Interaktionen. Wissen wird im SCM primär über Kundenmeetings und strategische Partnerschaften gewonnen, was den hohen Stellenwert von implizitem, kontextabhängigem Erfahrungswissen unterstreicht. Ein kritisches Ergebnis ist jedoch die Diskrepanz zwischen passivem und aktivem Erwerb: Während der Austausch mit Partnern gut funktioniert, investieren nur rund 60 % der Unternehmen Ressourcen in die proaktive, systematische Beschaffung neuer Informationen zur Prozessverbesserung. Damit bleibt ein wesentlicher Hebel für Innovation und Effizienz ungenutzt. 
Bei der Wissensverteilung offenbart sich ein Paradoxon. Zwar ist die technologische Infrastruktur mit digitalen Plattformen wie MS Teams oder SharePoint fast flächendeckend vorhanden, doch mangelt es an der prozessualen Integration.
Teilnehmende beschreiben den Informationsaustausch mit externen Lieferanten oft als effizienter als den Austausch zwischen Abteilungen innerhalb eines Unternehmens. Interne Wissenssilos sind auf unternehmensinterne Hürden wie organisatorische Barrieren, fehlende Prozesse oder kulturelle Faktoren zurückzuführen, welche einen reibungslosen Wissensaustausch erschweren.

In Unternehmen wird bestehendes Wissen laut den Umfrageergebnissen primär zur Entscheidungshilfe und zum Risikomanagement genutzt. Erfahrungen aus abgeschlossenen Projekten werden ebenfalls von circa der Hälfte der Befragten dokumentiert. Deutlichen Mangel bei der Wissensnutzung besteht jedoch in Themen wie zum Beispiel Outsourcing und Innovationsmanagement. Dies zeigt, dass SMC in vielen Unternehmen noch immer primär als Exekutivorgan und weniger als proaktiver Innovationstreiber wahrgenommen wird. 
Abschließend weist die Wissensbewertung den geringsten Reifegrad auf. Bei fast 22 % der Befragten findet keine systematische Qualitätsprüfung des Wissens im Unternehmen statt. Da zudem nur etwa ein Drittel der Unternehmen die Leistungssteigerung durch Wissen misst, fehlt oft die Grundlage, um Budgets für Wissensmanagement-Initiativen zu rechtfertigen. Wissen bleibt somit ein schwer fassbarer „Soft Skill“.

Fazit und Handlungsempfehlungen

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass organisatorische Barrieren, fehlende Prozesse oder kulturelle Faktoren den Wissensaustausch häufig behindern. Somit zeigt sich, dass Wissensmanagement im SCM derzeit technologisch möglich, aber prozessual und kulturell fragmentiert ist. Demzufolge sollten Unternehmen klare und standardisierte Prozesse mit klaren Verantwortlichkeiten etablieren, ihre digitale Infrastruktur harmonisieren oder aber auch neben einer aktiven Wissenskultur ihr Wissen systematisch bewerten und datengestützt steuern. Um die Resilienz und Innovationskraft zu steigern, müssten Unternehmen beispielsweise Wissenssilos durch interdisziplinäre Workflow-Tools aufbrechen und die systematische Dokumentation von „Lessons Learned“ institutionalisieren. Entscheidend ist der Wandel von einer rein reaktiven Informationsweitergabe hin zu einer strategischen Wissenskultur, in der Lieferanten nicht nur als Warenquelle, sondern als essenzielle Wissenspartner integriert werden.

Grafik 1: Darstellung der Schlüsselergebnisse der Modularbeit (eigene Darstellung) 

Autorenteam: Alicia Penn, Simon Strauss und Moritz Böck
Die Studie wurden im Rahmen des Moduls „Führung im Einkauf“ bei Prof. Dr. Florian C. Kleemann im Master-Studiengang „Digital Sustainable Procurement & Supply Management“ an der Hochschule München erhoben.

Bild: Pixabay


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